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Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Sachunterrichtsdidaktik

Kratzeis - Erfahrungswelten erweitern

Kinder aus der Grundschule und Studierende des Lehramts an Grundschulen begegnen sich

 

Verantwortliche

 

Kooperationspartner

  • Entwicklungsprojekt in Kooperation mit Thessa e.V. und
  • der Hugo Heimann Schule in Berlin-Neukölln (Gropiusstadt), die seit 2013 eine Partnerschule der HU Berlin ist
  • Die Evaluation von „Kratzeis“ wurde in 2012 und 2013 aus Mitteln des Programms „Übergänge“ durch den Vizepräsidenten für Studium und Internationales der HU Berlin gefördert.
  • Die Durchführung von „Kratzeis“ wurde 2012 von der Humboldt-Universitätsgesellschaft gefördert.
  • „Kratzeis“ wurde 2013 als Kooperationsprojekt von der Humboldt Profssional School of Education ausgezeichnet.
  • "Kratzeis" wird 2015 über den Förderverein der Hugo-Heimann-Schule vom Rotary Club Berlin-Funkturm gefördert
  • Der Lernbereich Sachunterricht ist mit „Kratzeis“ Mitglied im Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften e.V.

 

Laufzeit

  • Projektentwicklung seit 2010
  • erste Durchführung des Projekts 2011
  • kontinuierliche Fortsetzung (jährlich im Sommersemester)
  • Erweiterung des Projekts 2013: Kooperation mit der Carl Bolle Schule und Ein Quadratkilometer Bildung in Berlin-Moabit
     

Projektbeschreibung

Bei „Kratzeis“ kommen Grundschulkinder, die in sozial benachteiligten Bezirken Berlins leben, und Studierende des Grundschullehramts zusammen, wobei je ein Kind und ein_e Student_in ein Tandem bilden, das über einen Zeitraum von acht Wochen wöchentlich Freizeitaktivitäten miteinander unternimmt. Die Art der Aktivitäten stimmen die Tandempartner_innen gemeinsam ab. Vorgegeben ist dabei nur, dass Aktivitäten unternommen werden, die für die Kinder außerhalb ihres bisherigen Erfahrungshorizonts liegen und die Studierenden in mindestens einem Treffen sich von den Kindern ihre Wohnumgebung und ihre Lieblingsorte zeigen lassen. Ein gemeinsamer Ausflug und ein Abschlusstreffen aller Beteiligten bilden die Auftakt- bzw. Schlussveranstaltung der Projektphase. Die teilnehmenden Schüler_innen besuchen die Jahrgangsstufen 1 bis 5, werden bei Interesse von ihren Lehrer_innen für das Projekt vorgeschlagen und nehmen unter Einverständnis der Eltern daran teil. Die Studierenden werden während der Projektzeit von sozialpädagogischen Fachkräften durch Supervisions- und Intervisionssitzungen beraten und unterstützt. Das Projekt ist in eine studienrelevante Lehrveranstaltung an der Humboldt-Universität zu Berlin eingebettet, die gemäß idealtypischem Studienverlaufsplan im 4. Master-Semester angesiedelt ist. Im Rahmen dieses Seminars ist die achtwöchige Projektphase der Tandemtreffen in Vor- und Nachbereitungssitzungen eingebettet.
 

Publikationen

  • Erbstößer, Sabine (2013): „Kratzeis“ - Wenn Lehramtsstudierende und Kinder sich begegnen. In: Grundschule, H. 7/8 2013, S. 23-25
  • Erbstößer, Sabine; Jordan, Aylin; Pech, Detlef (2013): "Kratzeis" - Erfahrungswelten erweitern. Ein Mentoringprojekt für Studierende des Grundschullehramts. Erste Evaluationsergebnisse. Unver. Manuskript, Berlin
  • Erbstößer, Sabine; Jordan, Aylin; Pech, Detlef (2015): "Kratzeis" - Erfahrungswelten erweitern. Mentoring-Projekt für Studierende des Grundschullehramts. Ein Evaluations- und Projektbericht. In: Schulpädagogik heute. H.12/2015 (14 Seiten) (http://www.schulpaedagogik-heute.de/SHHeft12/07_ausserthematischePraxis/07_02.pdf)

 

Projektziele

Das „Kratzeis“-Projekt verfolgt für die teilnehmenden Schüler_innen und Student_innen unterschiedliche Ziele. Die Erweiterung lebensweltlicher Zugänge von Kindern steht sinnstiftend mit der Erweiterung sozialpädagogischer Kompetenzen zukunftiger Lehrkräfte in Beziehung.

Den am Projekt teilnehmenden Schüler_innen soll Gelegenheit geboten werden, zusammen mit ihrer Tandempartnerin/ ihrem Tandempartner wöchentlich Freizeitaktivitäten zu unternehmen, zu denen sie sonst aus ganz unterschiedlichen Gründen keine Zugänge hätten. So soll es den Kindern ermöglicht werden, in ihrer Freizeit neue Erfahrungen zu sammeln, die sie außerhalb des Projekts vermutlich nicht sammeln würden. Denn es ist, nicht zuletzt durch das Urteil der Lehrer_innen, zu erwarten, dass es den teilnehmenden Kindern an schulrelevantem Wissen und Erfahrungen mangelt – nicht zuletzt beruhen diesen Einschränkungen oftmals auch auf der finanziellen Situation der Familien. Dies kann sich durchaus negativ auf den schulischen Erfolg auswirken, da ein nachhaltiger Wissenserwerb an bereits vorhandene Wissensstrukturen anknüpft. Um es schlichter zu formulieren: Ein Text über den Zirkus ist leichter zugänglich, wenn konkrete Sinneseindrücke vom Geruch bis hin zum Ablauf in der Manege damit verknüpft sind. In diesem Zusammenhang zeigen Lange/Zerle (2010) unter Berufung auf Belz 2008 außerdem auf, dass unterschiedliche Freizeitaktivitäten und Fertigkeiten der Kinder eine unterschiedliche „Anschlussfähigkeit“ an das institutionelle Bildungssystem haben. So würden die Profile der kindlichen Freizeitgestaltung der Ober- und Mittelschicht von den Lehrer_innen wertgeschätzt, da sie diese eher einer bestimmten Vorstellung von Bildung entsprächen. Die von den Kindern in der Freizeit gewonnenen Erfahrungen und das dazugehörige Wissen böten so Anknüpfungspunkte an das Curriculum. Gleichzeitig würden milieuspezifische Abweichungen in der Freizeitgestaltung, die den Vorstellungen der Lehrer_innen nicht entsprechen, dadurch abgewertet (ebd., S. 61/62). Anders formuliert ist für den Bildungserfolg in einer monokulturellen (und monolingualen) ausgerichteten Schule (Gogolin 2008) der Erwerb bestimmten kulturellen Kapitals vorteilhaft und legt eine Benachteiligung der Kinder nahe, die nicht oder nur bedingt Zugang zu entsprechenden Erfahrungsräumen haben, in denen sie dieses Kapital erwerben könnten. Deutlich wird dies im 10. Kinder- und Jugendbericht, in dem hervorgehoben wird, dass vermehrt Anstrengungen unternommen werden müssten, um den Zusammenhang von Bildungserfolg und sozialer Herkunft zu überwinden. Ein zentraler Aspekt für diese Bemühungen sei ein partizipatives Bildungskonzept, in dem Bildung als zweiseitiges, aktives Geschehen begriffen werden müsse. Damit der Lernende aber seinen aktiven Part in diesem (Selbst-)Bildungsprozess realisieren könne, bedürfe es einer „entsprechenden bildungsanregenden Umgebung“ (BMFFSJ, S.341). Das „Kratzeis“-Projekt greift in diesem Sinne den Aspekt der außerschulischen, informellen Bildung auf und zielt darauf, in dieser Hinsicht benachteiligten Kindern durch den Kontakt zu Studierenden neue Perspektiven zu eröffnen. So soll sich das Projekt insgesamt förderlich auf den Bildungsweg der teilnehmenden Schüler_innen auswirken.

Ebenso soll das Projekt insgesamt förderlich für das Professionsverständnis der teilnehmenden Studierenden sein. Denn eine weitere Aussage des 10. Kinder- und Jugendberichts ist die Notwendigkeit von Schulsozialarbeit, die damit begründet wird, dass „Schule, die unter den gegebenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen mit ihrem Fachpersonal alleine ihren Auftrag von Bildung und Erziehung nicht mehr erfüllen kann und sich deshalb zusätzlicher Fachkompetenzen versichern muss“ (BMFFSJ, S. 213). Im Lehramtsstudium (und auch in der weiteren Ausbildungsphase) sind jedoch kaum sozialpädagogische Inhalte verankert. Das „Kratzeis“-Projekt möchte dem entgegenwirken und Studierenden Erfahrungen mit und Einblicke in die (Schul-)Sozialarbeit ermöglichen. Dies wird insbesondere durch die enge Kooperation mit den an der Projektschule tätigen Sozialpädagoginnen möglich. Außerdem wird den überwiegend aus Mittelschichtsfamilien stammenden Studierenden ein Zugang zu Kindern und deren Umfeld ermöglicht, die zumeist einen anderen sozio-kulturellen Hintergrund haben. So erhalten die Studierenden die Möglichkeit, außerhalb des schulischen Kontexts in Lebenswelten Einblicke zu erhalten, die sie vorher nicht kannten. Dies soll den Studierenden erlauben, eine Perspektive auf Kinder zu entwickeln, die nicht durch das Wissen um schulische Leistungen und das kindliche Verhalten im Umfeld Schule geprägt ist und damit das Kind als Kind und nicht als Schüler_in in den Mittelpunkt zu rücken.