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Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Allgemeine Erziehungswissenschaft

Forschungsinteressen

  • Bildungsprozesse
  • Verkörperungen/ Embodiment
  • Ethische Dimensionen von Erziehung und Bildung
  • Pädagogik und nachhaltige Entwicklung
  • Lehrplanentwicklung

 

 

Promotionsprojekt:

seit 02/2020

 

Prozesse der verkörperten Bildung in der Praxis der Capoeira. Eine phänomenologische Analyse der transformativen Wirkung von Lernprozessen im brasilianischen Tanz-Kampfspiel.


Ich werde die Initiierung von Bildungsprozessen in der Praxis der Capoeira analysieren, als Beispiel für ein Setting der non-formalen Bildung, das verkörpertes und nonverbales Lernen privilegiert. Meine Analyse zielt darauf ab, sowohl zur theoretischen als auch zur empirischen pädagogischen Forschung aus verkörperter und postkolonialer Perspektive beizutragen.
Capoeira ist ein Kampftanz, der im 19. Jahrhundert von afrikanischen Sklaven in Brasilien entwickelt wurde. Ihre Praxis, die als "Spiel" (Jogo) bezeichnet wird, findet in einem Kreis von Menschen statt, der Roda, wo die Kapoeiristas abwechselnd als Zuschauer, Musiker oder "Spieler" (Jogadores) auftreten. Die beiden Spieler in der Mitte des Stabes müssen sich kohärent an die emotionale Atmosphäre der Musiker und Zuschauer anpassen und einen verkürzten Dialog mit Elementen von Humor, Malícia (Täuschung) und Kreativität entfalten. Gerade für Nicht-Brasilianer erfordert die Assimilation der Elemente eines "schönen" Spiels, die sich auf ästhetische Kategorien der afro-brasilianischen Kultur beziehen, einen langjährigen Lernprozess, in dem häufige Erfahrungen von Enttäuschung und Negation (negative Erfahrungen) auftreten. Diese negativen Erfahrungen sind interessant, weil sie mit der Initiierung von Bildungsprozessen in anderen Lernkontexten verbunden sind.
In zeitgenössischen Theorien wird Bildung definiert als Erfahrung im Kontext von Fremdheit und Andersartigkeit; eine geformte Erfahrung, die in der Irritation, Herausforderung und Unterbrechung alter, habitualisierter Erfahrungen entstehen. Diese negativen Erfahrungen können hochproduktive Bildungsprozesse ermöglichen: als eine Veränderung der Beziehung zu sich selbst, zu anderen und zur Welt. Dieser Ansatz ist vereinbar mit Humboldts Verständnis von Bildung als proportionaler Entfaltung aller menschlichen Kräfte, die sich aus der Beziehung des Selbst zur Welt ergibt (und die diese Beziehung letztendlich verändert). Aktuelle Ansätze hinterfragen jedoch Humboldts sprachzentrierte Sichtweise, entweder indem sie nonverbale Ausdrucksformen berücksichtigen oder indem sie ihre Vermittlerrolle auf den Lebendigen übertragen. Aufgrund der Besonderheiten der Capoeira-Praxis ist die Perspektive der phänomenologischen Bildungsstudien (PES), die Bildung als verkörpertes und lokalisiertes Phänomen thematisiert, für meine Forschung von besonderem Interesse. Schließlich bin ich der Meinung, dass die Praxis des Capoeira die Selbst-Welt-Beziehung in einer Weise verändern könnte, die aus postkolonialer Sicht relevant ist, aber in den traditionellen Theorien der Bildung nicht berücksichtigt wurde.