Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Institut für Erziehungswissenschaften

Informationen für Lehrpersonen


Sehr geehrte Lehrerinnen und Lehrer, liebe Kolleginnen und Kollegen,

die folgenden Seiten sind für Sie eingerichtet worden, damit Sie sich schnell und umfassend über ein wissenschaftliches Projekt informieren können, welches unmittelbar auf den schulischen Unterricht abzielt. Zugleich sind wir bemüht, aus Ihren Erfahrungen, Anregungen und Überlegungen zu lernen. Deshalb würden wir uns freuen, wenn Sie Ihre Ideen in unser Projekt hineintragen; so könnte eine fruchtbare Wechselwirkung von Forschung, Theorie und Praxis entstehen.

Schauen Sie sich in Ruhe unser Projekt an und lassen Sie uns gemeinsam eine konstruktive Diskussion beginnen.


Das von der DFG geförderte Projekt "ETiK" hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein Kompetenzstufenmodell für den Ethik-Unterricht zu entwickeln, das die Aufgabenbereiche dieses Unterrichts in deutschen Rahmenlehrplänen berücksichtigt und ethische Kompetenzen in Urteils- und Partizipationskompetenzen ausdifferenziert.

Die Arbeit im Projekt konzentriert sich derzeit auf die Entwicklung von Aufgaben zur Erfassung von ethischen Kompetenzen von 15-Jährigen; zu einem späteren Zeitpunkt sollen auch Aufgaben für die Abiturstufe entwickelt werden.

Die Testaufgaben werden im Projekt ausgehend von didaktischen Aufgaben formuliert. Zwischen den Testaufgaben und didaktischen Aufgaben bestehen jedoch wesentliche Unterschiede. Didaktische Aufgaben dienen dazu, Sachverhalte und Probleme aus der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler für eine unterrichtliche Vermittlung aufzubereiten und die Entwicklung ethischer Urteils- und Partizipationskompetenzen durch eine Vertiefung in elementare philosophische, sozialwissenschaftliche und moralpädagogische Fragestellungen zu unterstützen. Der auf solche Aufgaben bezogene Unterricht kann eine oder mehrere Schulstunden in Anspruch nehmen, die aufeinander aufbauen und Fragen moralischer Bildung ausgehend von einfachen Aufgaben zunehmend differenzierter und kognitiv anspruchsvoller thematisieren. Aufgaben in Kompetenztest beziehen sich dagegen nicht auf eine didaktische Vermittlung. Sie müssen so konstruiert werden, dass sie in einem engen Zeitrahmen und weitgehend unabhängig voneinander von den Schülerinnen und Schülern mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit gelöst werden können.

Wie in der Konzeption des DFG-Antrages ausgeführt, werden ethische Kompetenzen im Projekt in moralische Grundkenntnisse, moralische Urteilskompetenz und moralische Handlungskompetenz unterschieden. Durch diese Unterscheidung soll sichergestellt werden, dass das zu entwickelnde Testinstrument sowohl die Fähigkeit zu ethischem Argumentieren, Reflektieren und Problematisieren als auch die Fähigkeit, solche Denkformen auch auf konkrete Handlungssituationen auszulegen, erfasst. Es interessieren also nicht nur "theoretische" Lösungen, die Schülerinnen und Schüler für ethische Fragen und Probleme finden, sondern auch wie sie in bestimmten Situationen konkret handeln würden. Um die Aufgabe des Schulunterrichts, auf selbständiges und reflektiertes Handeln in der Welt vorzubereiten, auch für den Bereich ethischen Reflektierens und Handelns auszuweisen, werden im Projekt  Szenarien entworfen, innerhalb derer Schüler und Schülerinnen ihre Handlungsmöglichkeiten selbst analysieren und begründen sowie die einzelnen Schritte des Handlungsvollzugs entwerfen und planen.

Die Projektgruppe setzt sich zusammen aus Bildungstheoretiker/innen und Allgemeinen Erziehungswissenschaftler/innen, Empiriker/innen und Bildungsforscher/innen und Lehrpersonen, die an der Entwicklung eines bildungstheoretisch und bereichsdidaktisch sowie empirisch ausgewiesenen Instruments zur Messung ethischer Kompetenzen zusammenarbeiten.

Das Projekt sucht die Kooperation mit Lehrpersonen der Fächer Philosophie, LER und Ethik. Es ist an Rückmeldungen und Stellungnahmen zu seinem Forschungsprogramm und an Vorschlägen für weitere Aufgaben interessiert. Wir laden daher ein, mit uns in Kontakt zu treten!

Vielleicht regen die im Folgenden genannten Themen zu einer Stellungnahme an.


Themen aus bisher entwickelten Aufgabenkomplexen

Grundbegriffe / Grundfragen der Ethik und Moral: Sprichworte, Regeln des Zusammenlebens, Diebstahl, Lüge

Diebstahl: Darf man Stehlen? Wann darf man stehlen? Welche Meinungen gibt es dazu?

Würde: Was ist das? Was heißt: die Würde achten? Ist jeder Mensch immer gleich?

Recht und Gerechtigkeit: Grundlagen, Perspektiven, Begründungen

Gemeinschaft: Freundschaft, Schulklasse, Stadt

Individuelle Perspektiven auf Moral und Ethik: meine Meinung, die Meinung anderer und rechtliche, politische oder religiöse Standpunkte


Aufgabenbeispiel

Die Aufgabenkomplexe, die wir entwickeln, gehen häufig von einem bestimmten Thema aus. Zu diesem Thema lesen die Schülerinnen und Schüler in der Regel einen kurzen Text, der in das Thema einführt. Im Anschluss daran stellen wir unsere Aufgaben, die oft Lösungsvorschläge anbieten. Die vorgegebenen Lösungsmöglichkeiten müssen immer so formuliert sein, dass sie möglicherweise eine Lösung zu der gestellten Frage sind. Erst wenn alle Möglichkeiten gelesen wurden, sollen die Schüler und Schülerinnen durch Nachdenken die Antwortvorgabe finden, die hier die richtigere unter allen Vorschlägen ist. Es ist also nötig, alle Antworten auf ihre richtigen und vielleicht falschen oder widersprüchlichen Aussagen zu prüfen.

Wir präsentieren hier eine Aufgabe, die inzwischen weiterentwickelt worden ist und in den Tests so nicht mehr verwendet wird. Sie knüpft an einen literarischen Text an, in diesem Fall an Christine Nöstlingers Essay "Moralisch unterwegs". In diesem Essay ist von verschiedenen Moralauffassungen von Christines Familienmitgliedern und den Beziehungen zwischen diesen Auffassungen die Rede. In freier Anlehnung an Christine Nöstlingers Text haben wir eine Aufgabe mit Fragen formuliert, die nur beantwortet werden können, wenn die verschiedenen Standpunkte der Familienmitglieder nachvollzogen wurden.


In Christines Familie gestattet die Moral der Mutter das Stehlen, wenn es zum Wohle anderer geschieht, während die Großmutter das Stehlen generell ablehnt. Der Großvater wird durch seine Nikotinsucht zum Stehlen „verleitet“, die ältere Schwester ist dagegen ein „gutes Kind“ und stiehlt nie. Christines Vater schließlich kennt nur einen Grundsatz: Man sollte immer versuchen herauszufinden, was man in moralischer Hinsicht für „richtig“ und was man für „falsch“ hält und dann das Richtige tun. Das Schlimmste für ihn ist es, eine solche Entscheidung gar nicht zu treffen oder etwas zu tun, das man selber nicht für das Richtige hält.

 

1.

 

Nach der Vorstellung des Vaters sollte man sich immer bemühen, zwischen richtigen und falschen moralischen Einstellungen und Entscheidungen  zu unterscheiden. Warum könnte das Stehlen der Mutter in den Augen des Vaters richtig sein?

 

 

 

A

 

 

 

Das Stehlen war richtig, weil die Mutter es nicht für sich getan hat.

 

 

 

 

 

B

 

 

 

Das Stehlen war richtig, weil die Mutter nach ihrem Gewissen gehandelt hat.

 

 

 

 

 

C

 

 

 

Das Stehlen war richtig, weil die Mutter einen guten Grund dazu hatte.

 

 

 

 

 

D

 

 

 

Das Stehlen war richtig, weil die Mutter es für ihre Kinder getan hat.


 

Nun haben Sie unsere Arbeitsweise kennen gelernt und ein Aufgabenbeispiel gesehen. Wir möchten Sie nochmals herzlich einladen, uns bei der Entwicklung von Aufgaben zu helfen. Sie können beispielsweise die obige Aufgabe kommentieren und die Lösungsvorschläge diskutieren.

Wenn Sie weitere Aufgabenvorschläge, Leitfragen oder ganze Aufgaben an uns senden wollen, werden wir sie anschauen, bearbeiten und in jedem Fall eine Rückmeldung geben!

Eine weitere Möglichkeit ist es, die Bearbeitung der obigen Aufgabe in den Unterricht einzubauen. Indem Sie z.B. die Frage mit den Antwortvorgaben der Klasse stellen, die Antworten von den Schülerinnen und Schülern begründen lassen und in einem dritten Schritt die Klasse nach weiteren Antwortmöglichkeiten außerhalb unserer Vorgaben fragen. Für Interessierte haben wir drei exemplarische Verläufe für Unterrichtseinheiten skizziert.

Natürlich sind wir an den Ergebnissen eines solchen Unterrichts sehr interessiert und würden uns über die Zusendung eventueller Resultate sehr freuen.