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Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Abteilung Wirtschaftspädagogik

Arbeitsplatzorientierte Grundbildung in der Pflegehilfe

Um den hohen Anforderungen und auch gravierenden Veränderungen im Arbeitsfeld Pflege begegnen zu können, ist gut ausgebildetes Personal erforderlich, das in dem weiten Aufgabenbereich Pflege verantwortlich tätig sein kann. Nicht alle potenziellen Pflege(hilfs)kräfte verfügen jedoch über die notwendige Grundbildung, um den Anforderungen der Ausbildung und des Arbeitsalltags gerecht zu werden. Zur Grundbildung zählen neben Lese- und Schreibfertigkeiten Grundkenntnisse im Rechnen, in einer Fremdsprache, im Umgang mit dem Computer. Vor allem jedoch stellt Grundbildung die Voraussetzung für Weiterlernen dar und ist eine unabdingbare Voraussetzung für qualitativ gute Arbeit aller Arbeitnehmer*innen.

In der zweiten LEO Studie 2018 wurden die Lese- und Schreibkompetenzen von deutschsprechenden Erwachsenen im Alter von 18-64 Jahren untersucht. Im Ergebnis zeigte sich, dass 6,2 Mio. der erwerbsfähigen Bevölkerung – das entspricht etwa 12 % – nur über eine geringe Literalität verfügen. Damit sind sie maximal dazu in der Lage, einfache Sätze zu lesen oder zu schreiben, nicht jedoch kürzere Texte. [1]

Bei Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten finden sich häufig auch Defizite hinsichtlich ihrer mathematischen Kompetenzen und basalen kognitiven Leistungen (z. B. Aufmerksamkeit, Konzentration, Problemlösefähigkeit), da Grundbildungsinhalte im Wesentlichen schriftsprachlich vermittelt werden. Dies führt zu Problemen bei der Erarbeitung einfacher alltags- und arbeitsbezogener Inhalte.

Wenn Erwachsene versäumte oder verlernte Grundbildungsinhalte nachholen wollen, ist es für sie sinnvoll, dies im Kontext von Erwerbsarbeit zu tun. Dabei steht die berufliche Handlungskompetenz, die abhängig ist von den fachspezifischen Anforderungen, im Mittelpunkt.

Arbeitsplatzorientierte Grundbildung hat folglich nicht zum Ziel, abstrakte Schlüsselkompetenzen, Fertigkeiten oder Wissensbestände zu vermitteln, sondern verknüpft Grundbildungsinhalte mit den spezifischen Fachinhalten der jeweiligen Branche.

Pflegehilfskräfte unterstützen ausgebildete Pflegekräfte bei der Grundpflege pflegebedürftiger Menschen. Dazu zählen die Körperpflege, die Hilfe bei der Nahrungsaufnahme sowie die Förderung von Mobilität und Beweglichkeit. Pflegehelfer*innen sind zudem an der Freizeitgestaltung und Haushaltsführung beteiligt und dokumentieren die durchgeführten Maßnahmen. Für alle diese Tätigkeiten benötigen die Ausführenden besondere Voraussetzungen und Kompetenzen. Dabei stellen nicht die berufspraktischen Kenntnisse, die in täglichen Routinen erlernt werden, das eigentliche Problem dar. Eine größere Herausforderung für Personen mit Grundbildungsdefiziten sind vielmehr die sprachlichen Anforderungen der Tätigkeiten: das mündliche und schriftliche Verbalisieren des berufspraktischen Handelns und die direkte Kommunikation mit Pflegebedürftigen, Angehörigen und Kolleg*innen.

Die Berufsbezeichnung „Pflegehilfskraft“ ist daher missverständlich, da in der Pflege nicht nur Hilfsarbeiten ausgeführt, sondern vielschichtige Aufgaben bewältigt werden müssen, die mitunter weitreichende Folgen für die zu pflegenden Menschen haben können. Dies erhöht die Anforderungen an Grundbildung in der Pflege deutlich.

 

[1] vgl. Grotlüschen, A.; Buddeberg, K.; Dutz, G.; Heilmann, L.; Stammer, C. (2019): LEO 2018 – Leben mit geringer Literalität. Pressebroschüre, Hamburg. Online unter: http://blogs.epb.uni-hamburg.de/leo.