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Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät - Institut für Erziehungswissenschaften

Humboldt-Universität zu Berlin | Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät | Institut für Erziehungswissenschaften | Nachrichten | Gastvortrag im Forschungsseminar der Allgemeinen Erziehungswissenschaft von David Meiering am 04.12.2019

Gastvortrag im Forschungsseminar der Allgemeinen Erziehungswissenschaft von David Meiering am 04.12.2019

Gastvortrag - David Meiering am 04.12.2019

Münchhausen-by-proxy-Syndrom: Das schwache Volk, das bedrohte Kind und
die kranke Politik. Pädagogisch-demagogische Brückennarrative zwischen
völkischen Nationalisten und salafistischen Dschihadisten

David Meiering (HU Berlin, Lehrbereich politische Soziologie/Projekt „Gesellschaft extrem“
(HSFK/BIM))

In der Radikalisierung von Gruppen beobachten wir, dass einige identitätsstiftende Erzählungen
phänomenübergreifend genutzt werden. Diese Brückennarrative ermöglichen situative Allianzen,
mimetische Lernprozesse und strategische Schulterschlüsse zwischen ansonsten verfeindeten
Lagern. Der Vortrag beschäftigt sich mit den Narrativen, die zwischen pädagogischen (Führung des
Kindes) und demagogischen (Führung des Volkes) Elementen vermitteln: Narrative des schwachen
Volkes, des bedrohten Kindes und der kranken Politik. In den Narrativen des schwachen Volkes
bündeln sich Erzählungen über die Fragmentiertheit, die Spaltung und die bedrohte Einheit des Volkes,
sowie die Sorge um seine Reinheit oder Künstlichkeit. Dem wird die Aussicht auf organische
Homogenität und neue Einheit gegenübergestellt: auf Heilung des Volkskörpers. Das Narrativ des
bedrohten Kindes wird im Rahmen einer Pars-pro-toto-Strategie genutzt: Am Kind wird exerziert, was
für andere bedrohte Gruppen (Frauen, Familien, alte Menschen), die freiheitliche Lebensweise, den
Wohlstand oder sogar die Umwelt und letztlich für das Volk als Ganzes gilt: Die bedrohten Gruppen
benötigen die Fürsprache und die Zuwendung einer starken, schützenden Führungsperson
(Paternalisierung). Zuletzt streuen die Narrative der kranken Politik Zweifel an den bisher Zuständigen,
diskreditieren die politischen wie sozialen Institutionen und identifizieren sie als das eigentliche Übel.
Ein Beispiel hierfür sind die Demonstrationen gegen eine Frühsexualisierung von Kindern in Kitas und
Schulen, die durch die vermeintliche Verbreitung von Homosexualität und die Dekonstruktion von
(binären) Geschlechtsidentitäten die Reproduktion der Gesellschaft gefährden würden. Insgesamt
setzen diese drei Narrative das Kindeswohl und das Gemeinwohl in eine symbolische
Repräsentationsbeziehung. Die diskursive Strategie folgt dem Muster des Münchhausen-by-Proxy-
Syndroms, bei dem nahe Angehörige Krankheiten oder einzelne Symptome erfinden, übersteigern
oder sogar tatsächlich verursachen, meist um Zuwendung zu erlangen (Selbstviktimisierung) oder um
selbst in die Rolle des aufopferungsvollen Heilers oder Pflegenden zu gelangen – mit destruktiven
Folgen für die Patronisierten.

Wann? - 04.12.2019, 16 Uhr c.t.

Wo? - Raum 235, Geschwister-Scholl-Str. 7